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 Was ist schiefgelaufen?

4.2.2 Die Tramiel-Theorie

 

 


[Warnung]

Die Tramiel-Theorie betrachtet das Verschwinden der Atarianer aus einer anbieterzentrierten Perspektive. Doch zunächst muß man wissen, was damals, etwa Ende der 80er Jahre, eigentlich geschah.

In den achtziger Jahren war alles in bester Ordnung: Atarianer hatten ihre 1040er oder Mega STs und erfreuten sich der einfachen Bedienung einer grafischen Benutzeroberfläche. Die Rechner waren für damalige Zeiten verhältnismäßig schnell, und die Anwendungsprogramme waren zwar nicht allzu umfangreich, aber für den privaten Bedarf durchaus ausreichend. Alles in allem kann man sagen: Die Ataris und die entsprechende Software boten ein gutes Preis-/Leistungsverhältnis und hatten gerade hier in Deutschland auch eine zufriedenstellende Verbreitung gefunden. Vor allem unter Anwendern, denen der Amiga zu verspielt, zu absturzfreudig oder zu flackernd und der PC zu unkomfortabel oder zu teuer war.

Eines Tages trat Jack Tramiel, der Atari-Boss, vor seine Untergebenen und sagte: »Ich habe die Nase voll von erfolgreichen Computern. Der C64 -- den ich verkauft habe, als ich noch bei Commodore war -- ist der erfolgreichste Heimcomputer aller Zeiten. Die STs haben ähnliche Leistungsmerkmale wie der Apple Macintosh, kosten aber nur einen Bruchteil. Jetzt habe ich eine tolle Idee: Laßt uns doch mal so'n paar richtige Mißerfolge produzieren.«

»Oh toll«, riefen die Untergebenen, »endlich mal was Neues! Dürfen wir jetzt so richtigen Mist bauen?« -- »Dürft Ihr!«, sprach Jack gnädig. »Aber verdammt«, rief da einer der Entwickler, »wir haben doch schon diesen tollen Atari TT in der Mache! Sollen wir den jetzt einstampfen?« -- »Ach nein«, antwortete Jack, »da fällt uns schon was ein.«

Kurze Zeit später kündigten sie den TT offiziell an; und die Atari-Anwender freuten sich. Was sie nicht wissen konnten: Atari hatten gar keine Lust, ihn auf den Markt zu bringen. Ungefähr ein Jahr lang hielten sie die Anwender mit Versprechungen hin. 16 MHz CPU-Takt -- das hatte bei der Ankündigung noch recht schnell geklungen. Im Laufe der Monate, in denen die Rechner der Konkurrenz immer schneller wurden, schien das nicht mehr so ganz angemessen zu sein. »Toll«, freuten sich die Verantwortlichen bei Atari, »ein angeblicher Profi-Computer mit 16 Mhz, das wird DER Ladenhüter.«

Dummerweise sorgte ein Mißverständnis dafür, daß der Atari TT doch mit 32 MHz auf den Markt kam. (Kleine Anmerkung: Das war für die damalige Zeit gar nicht mal so langsam.) Das war ärgerlich, denn die Computer waren schon in Serie gegangen. »Na, halb so schlimm«, sprach Jack gutmütig, »dann machen wir ihn halt schweineteuer.«

Außerdem hatten sie ja noch was in Petto: Eine farbige Handheld-Konsole (so etwas sollten Nintendo erst Jahre später auf den Markt bringen), die auf den Namen Lynx hörte. Technisch war der Lynx brilliant und ist bis heute unerreicht. Aber die schlauen Atari-Bosse wußten schon, was zu tun war: Auf Werbung verzichten. »Denn«, so wußten sie, »wenn wir keine Werbung machen, erfährt auch keiner, daß es so ein tolles Gerät gibt -- und dann kauft es auch keiner.« Diese Rechnung ging voll auf.

Zwischenzeitliche Rückschläge nahmen sie gelassen hin: Das Double-Density- Diskettenlaufwerk der Mega STE-Reihe hatten sie viel zu schnell durch ein zeitgemäßes High-Density-Laufwerk ersetzt. Nun ja, aus Fehlern lernt man ja.

So war es auch kein Wunder, daß sie bei ihrem nächsten Computer, dem Falcon 030, einfach alles richtig, also falsch, machten: Wann hatte man je gehört, daß ein neuer Computer langsamer war ein alter? Atari vollbrachten dieses Meisterwerk, indem sie den Falcon mit 16 MHz bedachten. Die Anwender brauchten auch nur kleine Hardwareerweiterungen, um Grafikauflösungen zu fahren, die bei PCs schon längst üblich waren; etwa 800 * 600 in 256 Farben: Atari verdarben den Anwendern den Spaß daran, indem sie den 256-Farben-Modus unerträglich langsam machten.

Für viel Heiterkeit in der Chefetage sorgte der LAN-Port: Eine sinnvolle Schnittstelle, die nicht vom Betriebssystem unterstützt wird -- eine geniale Idee, die Jahre später sogar in der PC-Welt beim USB kopiert wurde.

Und als Sahnehäubchen obendrauf gab es auch beim Falcon die Schwabbeltastatur, welche die Anwender schon zu Zeiten des 1040 ST verärgert hatte.

Ganz nebenbei bemühte sich good old Jack, auch in der Öffentlichkeit nicht mehr ernstgenommen zu werden: »Wir werden die PCs vom Markt fegen« kündigte er an -- und das konnte nun wirklich niemand mehr glauben; nicht einmal Leute, die es für durchaus glaubwürdig halten, daß ein schlechter Science-Fiction-Autor plötzlich eine göttliche Erleuchtung bekommt.

Dennoch gab es unbelehrbare, geradezu unverschämte Atarianer: Sie kauften trotzdem einen Falcon, ließen ihn in ein vernünftiges Towergehäuse einbauen; versahen ihn mit einer höheren CPU-Takten und Grafikauflösungen, mit einer brauchbaren Tastatur.

»So geht's ja nicht«, sprach Jack, »wir müssen eingreifen -- aber wie?«
»Ich weiß etwas!«, rief ein Mitarbeiter, »wir müssen den Anwendern noch einmal richtig Hoffnung auf bessere Zeiten machen -- und dann lassen wir sie sitzen.«
»Nicht schlecht -- klingt gar nicht mal so schlecht. Aber wie sollen wir das anstellen?«, fragte Jack. Auch hier wußte der Mitarbeiter schon Rat.

Und so kam es, daß MultiTOS erschien: Endlich ein Multitasking-Betriebssystem für Atari-Computer! Mit einem UNIX-ähnlichem Kernel (der, bezeichnenderweise, ursprünglich von einem unabhängigen Programmierer namens Eric Smith entwickelt wurde) -- geradezu phantastisch.

MultiTOS 1.0 glich allerdings eher einer frühen Alpha-Version: Es bremste den Rechner ganz gehörig aus und stürzte oft und gerne ab, natürlich nur bei so komplizierten Aktionen wie dem Starten von Programmen, Drucken oder kräftigem Husten des Nachbarn, und dann nicht einmal reproduzierbar.

Nun sind das ja typische Unzulänglichkeiten einer 1.0-Version und trotz allem war dieses frühe MultiTOS eine schöne Aussicht auf zukünftige Zeiten. Aber dann landete die Atari-Bosse endlich ihren großen Coup: Sie investierten noch etwas Arbeit in eine schon bessere Beta-Version, die nie offiziell veröffentlicht wurde, und erfreuten dann die lachenden Atari-Jünger mit der frohen Botschaft, daß es keine neue MultiTOS-Version mehr geben würde, und stellten auch gleich die Entwicklung neuer Computer ein.

Quasi nebenbei hatten sie noch den Jaguar entwickelt, die erste 64-Bit-Spielekonsole der Welt, und sie auf ähnliche Weise in den Sand gesetzt wie den Lynx.


Und nun frage ich Euch: Ist es eigentlich verwunderlich, daß so viele ehemalige Atari-Anwender umgestiegen sind? Zurückgeblieben sind nur ein Handvoll engagierter Programmierer und unverbesserlicher Idioten, die nicht aufhören, mit Atari(kompatibler)-Hardware und Software zu arbeiten und in fast religiöser Manier an das Gute in diesem System glauben.

Ich gehöre natürlich auch dazu.

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