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3.3 Das Pop-Biz

 

 


[Warnung]

Das Pop-Business (hier cool Pop-Biz genannt) ist natürlich 'ne schmutzige Angelegenheit. Etwas anderes behauptet ja niemand mehr, zumindest nicht ernsthaft.

Aber manche Sachen lassen mich doch staunen.
Ein paar davon will ich hier aufführen.



Frank Farian, Boney M. und Milli Vanilli

In den siebziger Jahren gab es eine Band namens Boney M.. Die machte grauenhafte Musik, wurde von Frank Farian produziert; und als Sänger trat ein gewisser Herr in Erscheinung, der -- soweit ich mich erinnere -- Bobby Farrell gerufen wurde.

Irgendwann kam heraus, dass der gute Bobby auf den Studioaufnahmen gar nicht gesungen hatte; diesen Part hatte der Produzent Farian lieber selbst übernommen.

Und was geschah?
Nichts.

Manche Leute lachten ein bisschen darüber -- Herrje, ein Sänger, der nicht singen kann -- andere zuckten die Schultern und kauften weiter Boney M.-Schallplatten.
[s.
unten] Für die jüngeren von Euch: Was sind Schallplatten?

Das war's.



Viele Jahre später gab es eine Band namens Milli Vanilli. Die machte grauenhafte Musik, wurde von Frank Farian produziert; und als Sänger traten zwei gewisse Herren in Erscheinung, der -- soweit ich mich erinnere -- Rob und Fab gerufen wurden.

Irgendwann kam heraus, dass Rob & Fab auf den Studioaufnahmen gar nicht gesungen hatten; diesen Part hatte der Produzent Farian lieber besseren Sängern überlassen.

Und was geschah?
Rob und Fab bekammen ihren Grammy weggenommen, wurden überall niedergemacht, als hätten sie kleine Kätzchen zum Frühstück gebraten, mussten das Pop-Biz verlassen, kamen damit nicht zurecht und tauchten nur noch in den Zeitungen auf, wenn sie durch irgendwelche Drogenaffären oder Autoeinbrüche auffielen.

Frank Farian durfte im Fernsehen Interviews geben und mitleidsheischend erzählen, dass diese arroganten Arschlöcher Rob & Fab ihn so sehr gestresst hatten, dass er zwei Tage im Krankenhaus daniederlag.
Dann durfte er wieder Musik produzieren; und wenn mich nicht alles täuscht, Jahre später auch wieder Preise einkassieren.

Warum die ganze Geschichte bei Boney M. niemanden wirklich interessiert haben, während Milli Vanilli zerfleischt wurden ... warum der Zorn allein Rob & Fab traf, während Herr Farian, der an der ganzen Sache doch nicht so ganz unschuldig gewesen sein kann, so weitermacht wie zuvor ...
das weiß ich nicht.

Und die ganze Geschichte lässt mich staunen ...




No Angels und Bro'Sis

Früher wurden Bands gecastet; und dann wurde eine tolle Story darüber erfunden, wie die Jungs und/oder Mädels zusammengefunden hatten, wobei meistens irgendeine väterliche Garage eine entscheidende Rolle spielt.

(Was mir beim Stichwort »väterliche Garage« ganz nebenbei einfällt: Bedeutet das eigentlich, dass auch Steve Jobs und Steven Wozniak gecastet wurden?)

Heutzutage wird das Casting im Fernsehen durchgeführt.
Jeder sieht, dass die Leute nur singen und tanzen können; dass sie nicht hinter der Musik stehen, die sie dann machen; dass die Musik nicht Ausdruck ihrer eigenen Persönlichkeit ist; dass die Leute nach dem Prinzip »für jeden Geschmack ist etwas dabei« ausgewählt werden; sogar, dass ihre freundschaftliche WG nur ein Teil der Promotion ist.

Und die Hörer/Video-Gucker/Käufer fahren drauf ab.

Vielleicht bedeutet das ja, dass man heute ehrlicher ist, denn man muss das Casting nicht mehr verstecken.
Vielleicht auch nicht -- denn es gab ja ein paar Gerüchte, dass die Bro'Sis-Mitglieder weit früher feststanden, als es im Fernsehen zugegeben wurde.

Auf jeden Fall bedeutet es, dass künstliche Produkte im Pop-Biz, die am Reißbrett entworfene, massenkompatible Musik auf den Markt schmeißen, hoffähig geworden sind.
Ich glaub' nicht, dass ich das gut finde.



Ein kleiner Tipp an die Musikindustrie: Es zieht sich wie ein roter Faden nicht nur durch die Musikgeschichte, dass die Sachen, die zunächst von allen möglichen Leuten abgelehnt werden, weil sie »zu anders« sind, irgendwann zu den ganz großen (und ganz gewinnträchtigen) Sachen werden.
In dreißig Jahren will keine Sau mehr etwas von den No Angels oder Bro'Sis wissen. Die Beatles fahren auch mehr als dreißig Jahre nach ihrer Auflösung traumhafte Gewinne ein.
»Yesterday« kennt auch heute noch jedes Kind. An der No Angels-Coversion von »There Must Be An Angel« ist wahrscheinlich schon in drei Jahren keiner mehr interessiert.
[s.
unten] Nebenbei: Schon mal das Video gesehen?




Coversionen

Ein Gespenst geht um im Pop-Biz, das Gespenst der Coverversionen.

Wer zur Zeit (geschrieben: Herbst 2002) keine Ideen für einen eigenen Song hat, greift sich einen alten Hit (momentan vorzugsweise aus den 80er Jahren), spielt ihn komplett nach oder verwendet ihn wenigstens auszugsweise.

Wenig kreativer Aufwand, dafür sieht der Kontoauszug demnächst schon viel freundlicher aus.

Ich find Coverversionen ziemlich oft scheiße.
Nicht nur, weil ich tot umfallen würde aus Scham für die Menschheit, wenn irgendwelche Kiddies »Spiel mir das Lied von Tod« gucken und plötzlich rufen würden: »Hey, das ist ja die Musik von Puff Daddy« (oder wer auch immer es war, der sich an Moriccones Meisterwerk vergangen hat).

Ich kann verstehen, wenn ein Musiker auch mal selbst das Lied spielen will, das ihn in seiner Jugend oder vor zwei Jahren so bewegt hat. Das können sie auf der Bühne von mir aus bis zum Umfallen tun.

Aber müssen sie das auch noch auf CD pressen? -- In den meisten Fällen kommt dabei eh nur eine Verunstaltung des Originals bei raus.
Für mich muss eine Coverversion die originale Idee in eine neue Dimension führen. Einfach nur die Instrumentierung und die Gesangsstimme zu ändern, ist arm und billig. Und die eigenen armseligen Ideen mit echten Meisterwerken aufzufüllen, ist eine Vergewaltigung.
Glücklicherweise haben schon vor mir schlaue Leute erkannt, dass man seine Ehre nicht verliert, wenn man vergewaltigt wird, so dass wir die Originale weiterhin preisen dürfen.


Ach, bevor ich weiter philosophiere, bringe ich lieber einer kleine Liste guter und schlechter Coversionen.

Once upon A Time In The West von ???
wurde oben schon erwähnt: Puff Daddy oder sonst irgendjemand vergeht sich an Ennio Morriccones Meisterwerk. Das Original ist dermaßen phantastisch, das jede Neuinterpretation nur daneben gehen kann.
Ergo: Schlechte Coverversion.

Paint It Black von Eternal Afflict
Glücklicherweise kennt diese Band keiner, sonst wäre es irgendwann aufgefallen, dass die Gründer die englische Grammatik nicht einmal genug beherrscht haben, um zwei Wörter korrekt aneinanderzufügen.
Wer dazu noch meine (freilich nie geäußerte, aber das verrate ich nicht) Idee klaut, den Rolling Stones-Klassiker in einer Gruftie-Version neu aufzulegen; und wer dann auch noch ein derart mieses Ergebnis hervorbringt -- den soll der Blitz beim Scheißen treffen.
Ihr habt wohl gemerkt, dass das in meinen Augen eine schlechte Coverversion ist...

Tränen lügen nicht / Tears Don't Lie von Marc Oh
Ich mag weder das Original, noch die Coverversion. Aber immerhin hat Marc Oh (oder schreibt der sich Mark O? Mark Oh? Marc O? -- wen kümmert's...) das Lied »in eine neue Dimension geführt«. Zudem ist das Original schon so schlecht, dass man eigentlich gar nichts falsch machen kann.
Anhören mag ich's mir nicht, aber dennoch: Gute Coverversion.

Dancing Queen von den A-Teens
Es gibt Songs, die ich lieber mag als Abbas »Dancing Queen«. Aber es ist ein perfektes Stück. Man kann bessere Lieder schreiben, aber das Lied an sich kann man nicht besser machen als das Original.
In sich und für sich gesehen ist es einfach makellos. Vielleicht versteht Ihr, was ich meine. Vielleicht auch nicht, ist mir aber egal.
Auf jeden Fall muss jede Coversion zwangsläufig scheitern.
Das gilt, so leid es mir tut (weil ich Kylie grob geschätzt 423 mal lieber mag als Abba), auch für Kylie Minogues Interpretation von der Olympia-Abschlussfeier.
Und die A-Teens-Version ist eigentlich nicht einmal einer Erwähung wert, also warum verschwende ich überhaupt über 700 Zeichen darauf?
Schlechte Coverversion. Ganz, ganz schlechte!

Physical von den Revolting Cocks
Man nehme ein ganz grauenhaftes Stück, zB. eins von Olivia Newton-John. Man drehe dieses durch den Fleischwolf, ersetze Seventies-Weichspüler-Synthies durch schrammelige Gitarrenriffs und fette Drums, und man erhält die perfekte Coverversion: Ein Lied, das vorher unerträglich war, ist plötzlich richtig gut geworden.
Nicht von ungefähr stammt von RevCo auch der Satz, dass man nur schlechte Stücke covern sollte.
»Physical« ist die perfekte Coversion. Auch RevCo selbst haben diese Klasse nicht mehr erreicht; selbst wenn sie Rod Stewarts unsägliches »Do Ya Think I'm Sexy« in einen fetten Song verwandeln konnten.
Schon allein deswegen lohnt sich der Kauf der CD, auch wenn der eigentlich Knaller auf diesem Album das Titelstück »Beers, Steers & Queers« ist: Das ultimative Partystück für alle, die wissen, dass man sich nach einer wirklich guten Party richtig schlecht fühlt -- weil man sich lächerlich gemacht hat; weil man versehentlich halbe Zähne oder halbe Boxenpaare verloren hat; weil man erstaunliche Kotzrekorde aufgestellt oder den Leuten, die es wirklich verdient haben, ordentlich die Meinung gegeigt oder in Ausnahmefällen sogar aufs Maul gehauen hat.
(Trotz meiner extrem pazifistischen Grundeinstellung muss ich zugeben, dass es Situationen gibt, in denen eine Gewaltanwendung, sofern sie nur temporäre und reparable Schäden zufügt, nicht nur verzeihlich, sondern geradezu angebracht ist. Es gibt bedauerlicherweise Leute, die erst dann Vernunft annehmen. Wobei ich dankbar bin, nicht derjenige gewesen zu sein, der zu diesem letzten Mittel der menschlichen Interaktion greifen musste.)





Anmerkung für junge Leute: Was sind Schallplatten?

Schallplatten waren sowas wie CDs. Runde Scheiben, auf denen Musik drauf war.
Nur größer und schwärzer. Man hätte sie auch nicht in einen Computer stecken können, wenn man denn einen Computer gehabt hätte, was man nicht hatte.

Schallplatten durfte man auch nur ganz zärtlich am Rand anfassen -- überhaupt musste man sehr vorsichtig mit ihnen sein. Wenn man eine Schallplatte aus ihrer Schutzhülle nahm, so hörte sich das ungefähr so an:


(Wenn hier keine Sound-Kontrolle sicht- oder benutzbar ist, versuche den Direktlink:)

Horch nur! Sachte, sachte
(WAV-Datei, ca. 41 KByte)
 

Und Schallplatten hatten große, wunderschöne Cover. Manchmal sogar zum Aufklappen. Da konnte man dann herrliche Bilder betrachten oder die Lyrics lesen, ohne sich die Augen zu verbiegen.
All das machte die Schallplatte zu einem echten Wert.

Natürlich hat man sich Musik auch auf Cassetten kopiert, aber eigentlich wollte man die Platte haben. Ja, ich möchte fast sagen: Zu einer Schallplatte konnte man eine emotionale Bindung aufbauen.

Dann kam die Industrie, nahm uns die Schallplatten weg und ersetzte sie durch kalte CDs. Mit einer CD muss man nicht vorsichtig sein. Selbst die schönste Artwork sieht auf einem CD-Cover schraddelig aus. Auch CDs haben Booklets oder Faltblätter, aber nur mit winzig kleinen Bildern und Lyrics in einer 5-Punkt-Schrift. Ganz zu schweigen davon, dass man die Dinger nie wieder in das JewelCase zurückbekommt, ohne sie zu verknicken.

Soll man zu so etwas eine emotionale Bindung aufbauen? -- Nö, das klappt nicht.
Und was keinen Wert hat, kann man auch kopieren. Dann hat man ja die Musik. Alles andere ist nettes Beiwerk, aber keinesfalls nötig.
CDs man auch wunderbar leicht kopieren, das schafft seit Jahren jeder handelsübliche Computer. Ich habe allerdings nie von jemandem gehört, der ein Schallplatten-Presswerk zuhause hat.

Und dann kommt die Industrie und fängt an zu weinen, weil alle Leute nur noch kopieren wie die Säue und die CD-Verkäufe einbrechen.
Sie denken sich tolle Maßnahmen wie kopiergeschützte CDs aus, für die drei Tage später ein Hack im Internet bekannt wird, und für die es drei Wochen später ein Programm gibt, mit dem auch weniger technisch Begabte die »geschützten« Dinger kopieren können.
Ehrliche Käufer hingegen gucken blöd aus der Wäsche, weil sie feststellen müssen, dass die kopiergeschützte Original-CD leider nicht auf dem eigenen CD-Player läuft. Der ist ja auch schon drei Jahre alt, was kann man da verlangen.

Mit der Schallplatte wär das nicht passiert.

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Kennt Ihr das Video?

Eine ganze Zeit habe ich »There Must Be An Angel« von den No Angels nur auf VIVA gesehen -- und habe mich gewundert, warum es kein richtiges Video gab, sondern nur den Mitschnitt irgend eines Auftrittes.

Bis ich dann mal auf einem anderen Sender gesehen habe, dass es doch ein richtiges Video gab. In dem flogen die No Angels fröhlich lächelnd und trällernd in irgendwelchen Militär-Fliegern rum.

Ich möchte meinen Arsch drauf verwetten, dass dieses Video vor dem 11. September 2001 aufgenommen wurde.

VIVA waren wenigstens so einfühlsam, auf die Austrahlung zu verzichten, während in Afghanistan durch derartige Flieger Kolateralschaden entstand; was ein wunderschönes Wort ist um die Tatsache, dass unschuldige Frauen und Kinder (und übrigens auch Männer) in der afghanischen Zivilbevölkerung niedergemetzelt werden, ein klein wenig erträglicher zu formulieren.

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