Sitemap
Einleitung
ToKen
Atari, Mac und andere Computer
Typografie und Gestaltung
Diverses
Nette Sachen zum Downloaden
Links
Siteinfo
Stichwortsuche
Interaction
Home Kurzgeschichten und superkurze Geschichten Kurzgeschichten und superkurze Geschichten Superkurze Geschichten
Dies ist das Archiv von tobias-jung.de mit veralteten Inhalten. Siehe auch Archiv-Info
   TJ/home (WornOutVersion)
 Diverses
 Kurzgeschichten und superkurze Geschichten

6.4.1 Der Pechstag

 

 


Der Pechstag

Es gibt Tage, da erleidet man so viel Unglückliches, da sagt man: »Heute ist mein Pechstag.« Andere wiederum behaupten, es gäbe keine »Pechs-« oder »Glückstage«; an manchen Tagen würde einem das Pech bzw. das Glück nur stärker auffallen. Ich will aber von einem Mann erzählen, der wirklich sehr viel Pech an einem Tage hatte.

Karl Heinz Wilfried Heide hieß er, doch ich will ihn nur Karl nennen, denn sämtliche Namen zu nennen, wäre auf die Dauer zu umständlich, und seinen Nachnamen mochte er nicht, denn er war Katholik und pflegte alle, die einem anderen Glauben angehörten, Heiden zu nennen.

Der Tag, an dem sich das Erzählte zutrug, was keinesfalls ein Freitag der Dreizehnte, wie es immer bei niveaulosen Komikern der Fall ist, die ebenfalls etwas zum Thema »Pechstag« sagen wollen. Es war ein ganz normaler Dienstag (der Siebenundzwanzigste), als Karl aufwachte, und zwar vor dem Schellen des Weckers, was ihn freute, weil er sonst immer von dem brutalen, fordernden Schrei des Weckers aus dem süßen Schlaf gerissen wurde, und je später er am vorhergehenden Abend ins Bett gegangen war, desto schriller erschien ihm der Schrei.

Die Freude an diesem Morgen währte indes nicht lange, denn ein Blick in das Gesicht des Weckers (Karl sah in dem Zifferblatt nämlich ein hämisch grindendes Gesicht) machte ihm klar, dass der Wecker um zwei nach halb drei in der Nacht stehengeblieben war. Fluchend -- obwohl sich derartiges für einen Katholiken nicht geziemt -- und nun gewiss, dass der Wecker ihn hasste, sprang er aus dem Bett und schaute in das Gesicht der Standuhr an der gegenüberliegenden Wand (deren Zifferblatt er für das Gesicht einer gemütlichen alten Dame hielt), welches ihm nun sagte, dass es bereits zwanzig vor Acht Uhr war. In zwanzig Minuten musste er im Büro sein!

Voll Zorn nahm er also den verhassten Wecker, der bereits vor einer Stunde hätte schreien sollen, und schleuderte ihn in Richtung Fenster, welches Karl abends, wenn er zu Bette ging, weit aufzumachen pflegte. Der Wecker war ihm noch einen vorwurfsvollen Blick zu, bevor er die teure Scheibe des Fenster, das Karl abends wohl irgendwie doch nicht geöffnet hatte, zerbrach. Nun erst recht verärgert, lief Karl in die Küche, um Wasser für Kaffee aufzusetzen, denn seine Kaffeemaschine, mit der er üblicherweise den Morgentrunk zubereitete, war über Nacht mit einem leisen Seufzer gestorben, und das ohne jeden erklärlichen Grund. Von der Küche eilte Karl ins Bad, um sich kalt zu waschen -- der Durchlauferhitzer hatte es augenscheinlich der Kaffeemaschine gleichgetan -- und sich beim Rasieren zu schneiden.

Ich glaube, ich brauche nicht zu erwähnen, dass er kein Brot im Hause hatte, weshalb er sich schnell einen Apfel nahm, der einen Wurm hatte, was Karl jedoch erst bemerkte, als er den Wurm mit den Zähnen in zwei Hälften teilte und sich eine davon im Todeskampfe in seinem Mund krümmte. Um wenigstens noch den Kaffee beim Ankleiden auszutrinken, nahm er Kanne und Tasse mit in sein Schlafzimmer, wo ein auf dem Boden herumliegender Katholikenkalender entscheidend dazu beitrug, dass sich der Kaffee aus der Kanne über die zurechtgelegten Kleider ergoß, während der Inhalt der Tasse nunmehr die Schuhe auffüllte.

Das war natürlich ärgerlich -- doch, so dachte Karl, habe er ja noch genug andere Kleider. Das erwies sich als Trugschluss, denn er stellte fest, dass sie sich allesamt in der Wäsche befanden, während sein zweites Paar Schuhe beim Schuster einer Reparatur harrte. So blieben ihm nur ein orangefarbener Rollkragenpullover, eine braune Cordhose mit weitem Beinschlag -- beides Relikte seiner Jugend in den siebziger Jahren -- sowie ein Paar gelber Gummistiefel: Nicht gerade die passende Kleidung für den heißen Sommertag, den dieser Dienstag (der siebenundzwanzigste) sich anschickte zu werden; zudem noch geradezu unerträglich für jeden Menschen guten Geschmacks.

So verließ er denn das Haus, und er lief zur Haltestelle der Straßenbahn, die bereits an dem angestrebten Punkt stand. Normalerweise lenkte um diese Zeit ein gutmütiger Fahrer die Bahn, der gerne auf heraneilende Fahrgäste wartete, doch ausgerechnet an diesem Tage wurde er vertreten von einem grimmigen Manne (dessen Gesicht übrigens dem bereits erwähnten Wecker nicht unähnlich war), und diesem bereitete es Spaß, zwei Sekunden, bevor Karl die Tür erreichte, selbige zu schließen und ohne Karl in Richtung Innenstadt zu fahren. So wartete Karl nun zwanzig Minuten auf die nächste Straßenbahn, während die Sonne seine in den Gummistiefeln steckenden Füße schwitzen ließ und die Schulkinder, die jetzt zur Schule fuhren, ihn neckten.

Mit erheblicher Verspätung traf er im Büro ein, und die stets klemmende Tür klemmte an diesem verdammten Tag noch mehr als sonst, und als Karl sie endlich mit einem Ruck geöffnet hatte, stieß er irgendjemanden an und rief: »Welcher Idiot stellt sich direkt hinter die Tür!«, woraufhin er seinem Chef betreten ins Gesicht schaute, während sich der Inhalt der Kaffeetasse in der linken Hand des Chefs über die wichtigen Akten in der rechten Hand ergoss. Der Chef tobte und zeterte, und als Karl auch noch sagte, was habe er auch dort gerade herumgestanden, stieß der Chef einen weckerähnlichen Schrei aus und stürmte mit den Worten: »Das wird ein Nachspiel haben!« hinaus.

Eine neue Sekretärin arbeitete in Karls Büro, jung und hübsch, und ihr bauchfreies Shirt spannte sich bedrohlich über ihren mächtigen Brüsten und ließ Karls Hormone verrückt spielen, doch seine Hoffnungen wurden abrupt beendet, als sich dieses Mädchen als modebewußt herausstellte und sie über seine Kleidung lachte. Und jedesmal, wenn jemand das Büro betrat, verwies sie auf dieselben, und derjenige lachte dann auch und zeigte mit dem Finger auf Karl. Anschließend flirteten die Besucher heftig mit der Sekretärin, und es zeigte sich, dass sie jedem zugeneigt war, nur Karl nicht. Sogar als ihr der schleimige Herr Ekkertz aus der Rechnungsstelle anbot, sie auf der Toilette sexuell zu verwöhnen, lehnte sie nur lachend ab und gewährte ihm zum Trost einen Blick auf ihre prallen nackten Brüste, indem sie kurz das Shirt lüpfte -- doch da sie Karl dabei den Rücken zuwandte, konnte der überhaupt nichts sehen, so sehr er sich auch bemühte.

Entmutigt setzte sich Karl an seinen PC und arbeitete ein wenig, bis bei dem Versuch, eine umfangreiche Datenbank auszudrucken, plötzlich etliche Fehlermeldung, die nie ein Mensch zuvor gesehen hatte, den Bildschirm zierten. Panisch drückte er die geforderten Tasten, um die vom Betriebssystem angebotenen Reparaturversuche zu starten, aber aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen hielt der Computer eine Reparatur wohl für eine Neuformatierung der Festplatte unter Verlust sämtlicher Daten. Ein wenig Hoffnung glimmte in Karl auf, als er an seine Backupdisketten dachte; doch diese verlöschte augenblicklich, weil ihm einfiel, dass er sie am Tage zuvor Herrn Ekkertz ausgehändigt hatte, damit dieser ihm seine Sammlung mit Kopulationsbildchen kopieren könne. Karl liess seinen wenig geliebten Kollegen sofort herbeirufen, doch als Ekkertz mit den Disketten in der Hand und einem schmierigen Grinsen im Gesicht das Büro betrat, war Karl sofort klar, dass er die Bilder bereits kopiert hatte und die Backups vernichtet waren.

»Herr Heide hat soeben die Daten der letzten Monate vernichtet«, flötete die junge, hübsche Sekretärin und stimmte mit Ekkertz in ein lang anhaltendes Gelächter ein; und als er ihr wiederum Avancen machte, erhörte sie seine Bitten und folgte ihm auf die Toilette, Karl im Chaos zurücklassend.

Als unser armer, geplagter Freund die Überstunden beendet hatte, kam der Chef und teilte ihm mit, dass er wegen der Rationalisierungsmaßnahmen morgen nicht mehr zu erscheinen brauche und händigte ihm ein miserables Arbeitszeugnis aus. Im Fahrstuhl, der einige Stunden lang steckenblieb, war ein ebenfalls Entlassener, der sich in der Kantine betrunken hatte und nun genug Ruhe und Muße hatte, seine Frustration abzureagieren, indem er Karl ordentlich verprügelte. Auf dem Heimweg -- es fuhren keine Bahnen mehr, und Karl musste laufen -- begann es so stark zu regnen, wie man es eigentlich nur aus Spielfilmen kennt, und er wollte sich eben freuen, dass er Gummistiefel trug, als er auf drastische Weise daran erinnert wurde, dass sie undicht waren.

Vor seiner Haustür lag der Wecker, mit dem alles Leid begonnen hatte, und grinste Karl hämisch an, und als der Erboste sich durch den Rache suchenden Tritt verletzte, lachte der Tyrann gar laut. Die Hausmeisterin erwartete Karl schon im Flur und teilte ihm mit, dass sie am Nachmittag den telefonisch konsultierten Klempner in seine Wohnung eingelassen hatte, dieser aber nicht dazu gekommen war, den Durchlauferhitzer zu reparieren, weil er sich versehentlich auf Karls Katze gesetzt und diese dabei getötet hatte. Dann habe er sich ob der vermanschten Katze auf dem teuren Teppich übergeben, und bei dem Versuch, das Erbrochene aufzuwischen, habe er den den Wassereimer ebenso versehentlich über den Fernseher ergossen, der daraufhin implodiert sei, was den größeren Teil des Wohnzimmers demoliert und dem wackren Mann eine stark blutende Wunde zugefügt habe, weshalb er ins Krankenhaus eingeliefert worden wäre.

So musste Karl auf ein warmes Bad ebenso verzichten wie auf ein warmes Mahl, denn kaum wollte er zu kochen beginnen, tauchte ein Stromausfall -- Karl verwunderte es kaum noch -- das gesamte Viertel in Dunkelheit. Die Erkältung kribbelte schon in seiner Nase, als er beim zu Bett gehen dachte: »Ich wette, heute Nacht bricht mir das Haus über dem Kopf zusammen.«

Merkwürdig, dass Leute, die jahrelang ein ganz normales Leben führten, plötzlich und unerwartet hellseherische Fähigkeiten entwickeln.
 
 

© Tobias Jung
Diese Geschichte stammt von der Website www.tobias-jung.de
Kopieren, Vervielfältigen und Veröffentlichung nur zu privaten Zwecken und inkl. dieses Copyrightvermerks gestattet.


[ Zum Seitenanfang ]
 

Home Kurzgeschichten und superkurze Geschichten Kurzgeschichten und superkurze Geschichten Superkurze Geschichten
Dies ist das Archiv von tobias-jung.de mit veralteten Inhalten. Siehe auch Archiv-Info
TJ/home Copyright © Tobias Jung