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Home Tales From Typographic Oceans Typografische Grundregeln Tobias' typografische Weltverbesserungsvorschläge
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 Tales From Typographic Oceans

5.5.2 Spezialitäten der Typografie -- Kerning, Kapitälchen, Ligaturen

 

 


Wer typografisch ansprechende Dokumente zaubern will, muss nicht nur auf die Wahl der richtigen Schrift achten. Das haben wir schon im letzen Kapitel besprochen. Und wenn Ihr die dortigen Tips beherzigt, seid Ihr reif für die typografische Meisterliga: Der Verwendung von Kapitälchen und Ligaturen. Doch zuvor machen wir noch einen kleinen Rückschritt und kommen noch einmal kurz aufs Kerning zu sprechen.

Ääääh, Kerning, was war das noch mal gleich? Ach ja: Buchstabenpaare, die etwas näher zusammenrücken:

Fehlendes Bild: Kerningbeispiel


Wie kommt es überhaupt eigentlich, dass die kritischen Buchstabenpaare nicht von alleine näher beieinander stehen?

Stellt Euch mal vor, jeden Buchstaben umgibt ein Rechteck. Diese Rechtecke fügt man nun nahtlos aneinander:

Fehlendes Bild: Kerningrechtecke 1


Nun stehen diese Buchstaben ein bisschen weit auseinander -- aber das ist nun mal die Methode, wie der Computer Schrift normalerweise setzen würde. Schöner ist es aber, wenn die Buchstaben näher aneinander rücken, so dass sich die imaginären Rechtecke überlagern:

Fehlendes Bild: Kerningrechtecke 2


Und genau diesen Vorgang nennt man Kerning oder auf deutsch Unterschneiden. Das kann der dumme Computer aber nicht von alleine (es sei denn, er arbeitet mit einem schlauen Programm wie Indesign oder einem schlauen Fontformat wie CFN), deshalb muss der Mensch -- in diesem Falle der Fontdesigner -- ihm mitteilen, welche Buchstaben denn nun näher zueinander rücken sollen.

Dafür gibt es die Kerningtabellen, die bei Speedo- und TrueType-Fonts in der Fontdatei selbst gespeichert sind, bei Mac-Type1-Fonts im Resourcefork der Fontdatei vorliegen, und bei Windows-Type1-Fonts in einer externen Datei mit der Endung .afm (oder .pfm, aber das ignorieren wir hier mal).

»Komisch«, sagt der Anwender nun, »irgendwie sieht das bei meiner Textverarbeitung so aus, als würde da gar nicht gekernt.« Das kann sein: Noch im Spätherbst '99 habe ich in irgendeiner Zeitschrift gelesen, dass viele Textverarbeitung bzw. Office-Pakete die Kerninginformationen nicht auswerten.

Ich war schockiert!

Ich wusste ja, dass vieles auf der Welt schlecht ist -- aber so schlecht?!? Das hätte ich nun nicht gedacht. Ich meine, was machen die Hersteller solcher Programme eigentlich? Seit Jahren ist es immer wieder das gleiche Spiel: Eine neue Programmversion kommt heraus, und die Hersteller brüsten sich damit, dass es nun fünfzig neue Funktionen gibt, die man bestenfalls einmal im Jahr braucht. »Pech gehabt«, ruft der Konkurrent, »in unserem Update gibt es fünfzig Funktionen, die man bestenfalls alle zwei Jahre braucht!« Und die Anwender stürzen sich begeistert auf das letztgenannte Programm, das hat ja viel mehr Funktionen...

Aber die Hersteller schaffen es nicht, eine typografisch so sinnvolle Funktion wie die Unterstützung von Kerningpaaren einzubauen? In all den Jahren nicht?

Naja, soweit ich weiss, schafft es wenigstens MS Würg, Kerninginformationen auszuwerten. Meine Textverarbeitung papyrus (hergestellt von einer viiiel kleineren Firma) kann das auch. Soo schwer kann das also nicht sein. Ja, sogar wenn man sagt: »Ich bin ein Kulturbanause und will es auch bleiben«, dann kann man das Kerning in papyrus auch abschalten. Ich benutze diese Funktion nur, wenn ich mal gucken will, wie die Buchstabenpaare ungekernt aussehen.

Aber was ich eigentlich nur sagen wollte: Gekernte Texte sehen immer tausendmal besser aus als ungekernte. Wenn Eure Textverarbeitung diese Möglichkeit bietet, sollte Ihr sie auch nutzen (DTP-Programme machen das sowieso). Wenn nicht, dann könnt Ihr nichts daran ändern. Das Sinnvollste ist es dann, sie in die Tonne zu treten und sich papyrus zu kaufen. Gibt's für Atari und Windows.

Und wenn einem die Kerningpaare, die eine Schrift enthält, nicht zusagen -- etwa weil Paare mit Umlauten (z.B. Tä) nicht unterschnitten werden --, kann man unter Umständen auch noch was daran machen. Mann kann nämlich zu einem Fonteditor greifen oder bei PostScript-Type1-Fonts in den afm-Dateien 'rumspielen. Vielleicht schreibe ich eines Tages mal mehr über diesen Vorgang. Jetzt aber zum nächsten Punkt.



Kapitälchen

Kapitälchen sind »kleine Großbuchstaben«, und so sehen sie aus:

Fehlendes Bild: Kapitälchen


Wie man sieht, beginnen die Wörter, die man normalerweise groß schreiben würde, mit einem großen Großbuchstaben (Zwei, Eva...). Der Rest ist in kleinen Großbuchstaben gesetzt -- in Kapitälchen eben.

»Ha, dafür hat meine Textverarbeitung eine Funktion«, ruft da ein Anwender, »einfach anklicken, und das Wort wird in Kapitälchen gesetzt.«

Wird es nicht. Was die Textverarbeitung macht, ist folgendes: Sie verwendet im ganzen Wort Großbuchstaben. Dann setzt sie die Anfangsbuchstaben im eingestellten Schriftgrad (also z.B. 12 Punkt), und den Rest des Wortes etwas kleiner (also etwa 9 Punkt oder so). Das sind aber sog. falsche Kapitälchen.

Denn: Bei der Verringerung des Schriftgrades verringert sich natürlich auch die Strichstärke der einzelnen Buchstaben. Das sieht man im Ausdruck ziemlich deutlich, hier auf dem Monitor nicht so gut (aber ich denke, man kann es immer noch erkennen):

Fehlendes Bild: Echte und falsche Kapitälchen


Die kleinen Buchstaben der falschen Kapitälchen sind also viel dünner als die großen. Und das sieht ziemlich blöd aus. Dass eine Textverarbeitung also eine Funktion zur Erzeugung von falschen Kapitälchen anbietet, kommt einer Aufforderung zur typografischen Straftat gleich und sollte entsprechend geahndet werden -- wenn es denn so etwas wie eine Internationale Typografie-Polizei gäbe...
Aber wie kommt man denn nun an die echten Kapitälchen?

Ganz einfach: Sie müssen als eigene Fontdatei vorliegen! Wenn Ihr die Times New Roman in normal, kursiv, fett und fett-kursiv habt, bedeutet das ja auch, dass vier Times-Fontdateien auf Eurer Platte 'herumliegen (ziemlich nutzlos natürlich, denn wenn Ihr bis hierhin gelesen habt, benutzt Ihr die Times New Roman ja hoffentlich nicht mehr...). Kapitälchen-Schnitte sind meistens am Zusatz »caps« im Fontnamen zu erkennen. So habt Ihr bei den Beispielgrafiken oben die »FF Scala caps« und die »FF TheSerif caps« gesehen.

Aber da nichts perfekt ist auf dieser Welt, gibt es -- gerade in billigeren Fontpaketen -- fast nie Kapitälchen-Schnitte. Da sollte man den Fontherstellern mal auf die Finger klopfen...
>>>  Tobias' typografische Weltverbesserungsvorschläge

Ich habe es zwar schon im letzten Kapitel geschrieben, aber hier noch einmal zur Erinnerung: Kapitälchen kann man immer dann setzen, wenn ein Wort komplett in GROSSBUCHSTABEN gesetzt werden muss, wie es z.B. bei vielen Abkürzungen der Fall ist, das sorgt für ein harmonisches und ausgewogenes Schriftbild.

Richtig gute Kapitälchen-Schnitte enthalten sogar das Buchstabenpaar »SS« auf der Position des »ß«. So kann einem auch nicht der Fehler unterlaufen, das ß versehentlich zu benutzen. Denn diesen Buchstaben setzt man nie (NIE!) zwischen Versalien oder Kapitälchen.



Ligaturen

Zu Beginn noch einmal: Was sind Ligaturen? In eine Ligatur sind zwei Buchstaben zu einem verschmolzen.

Darstellung einer Ligatur


In der hier dargestellten Grafik sehen wir die fi-Ligatur der Baskerville im Vergleich mit dem entsprechenden Buchstabenpaar.

Wie weiter unten zu lesen sein wird, ist die Verwendung von Ligaturen auch nicht gerade einfach. Warum also sollte man sich diese Mühen überhaupt aufbinden? Ist ihr typografischer Wert so hoch einzuschätzen?

Schaut man in die Fachliteratur, so findet man Begründungen wie: »Ligaturen dienen dem optischen Ausgleich der Zeile, indem sie >Löcher< verhindern« oder eher schwammigen Aussagen wie: »Dies ergibt in einigen Fällen ein besseres Gesamtbild«. Ich glaube nicht, dass diese Aussagen den Kern der Sache treffen -- zumindest nicht im heutigen Digitalsatz. Schließlich kann man die fraglichen Buchstabenpaare durch Kerning eng genug zusammenrücken lassen. Aber dann ergibt sich das Problem, daß sich die Buchstaben »überlagern«, was zu unschönen Ergebnissen führen kann. Als Beispiel eine Detailvergrößerung:

Detailvergrößerung einer Ligatur


Hier sehen wir links die obere Hälfte der fi-Ligatur (aus der FF Scala) im Vergleich mit dem entsprechenden Buchstabenpaar rechts. Rechts wirkt der i-Punkt wie ein hässlicher Klumpen am Bogen des f; und die minimale Lücke zwischen dem Querstrich des f und der oberen Serife des i wirkt auch nicht gerade hübsch. Beide Unschönheiten werden in der Ligatur ausgebügelt. Leider muss gesagt werden, dass die Ligaturen nicht in allen Fonts so schön herausgearbeitet sind.


Die meisten TrueType- und Type1-Fonts enthalten zudem nur die fi- und die fl-Ligatur. Speedo-Fonts halten drei weitere bereit -- und manch' ein Hersteller macht sich die Mühe, einige weitere Ligaturen, die in der jeweiligen Schrift sinnvoll sind, auch noch einzufügen.

Übersicht einiger Ligaturen


Diese Grafik zeigt oben links die beiden Standard-Ligaturen, daneben die drei zusätzlichen eines Speedo-Fonts (hier aus der Baskerville). In der zweiten Zeile vier spezielle Ligaturen aus der FF TheSerif.



Neben der Verhinderung von unschönen »Überlagerungen« können Ligaturen auch noch dazu dienen, ein Wort optisch zu gliedern. Die Rechtschreibreform hat uns ja so Wörter wie »Schifffahrt« beschert, und »Stoffflicken« gab's ja schon vorher.

Hier hilft eine Ligatur, den Dreifach-Buchstaben zu »zerlegen«.

Beispiel: Mit und ohne Ligaturen


Diese Grafik zeigt das Wort »Schifffahrt« -- jew. links mit ff-Ligatur; rechts jew. mit drei einzelnen Buchstaben. Dieses Beispiel ist natürlich nicht ganz so gut gewählt, weil nur wenige Fonts die ff-Ligatur beinhalten...



So, und nachdem ihr nun alle unwiederruflich davon überzeugt seid, dass man unbedingt mit Ligaturen arbeiten muss ;-) , stellt sich natürlich die Frage: Wie macht man das?

Also, dass die Verwendung von Ligaturen so kompliziert ist, liegt daran, dass sie auch nicht immer statt des entsprechenden Buchstabenpaares gesetzt werden dürfen -- dann würde jew. ein Suchen/Ersetzen-Durchlauf ja ausreichen. Nehmen wir mal zwei Wörter als Beispiel: In »flicken« darf man das Paar fl durch die entsprechende Ligatur ersetzen. In »Schieflage« aber nicht! Und warum nicht? Nun, ich habe in der typografischen Fachliteratur zwei Regeln gelesen, die sich teilweise widersprechen:

  1. Eine Ligatur darf nicht gesetzt werden, wenn zwischen den beiden Buchstaben eine Trennung erfolgen darf (»Schief-lage«, aber auch »hof-fen«).
  2. Eine Ligatur darf nur dann gesetzt werden, wenn die beiden Buchstaben zum gleichen Wortstamm gehören.

Nach der zweiten Regeln dürfte das Wort »hoffen« ebenfalls mit einer Ligatur versehen werden; »Schieflage« natürlich weiterhin nicht!

Welche Regel ist nun die richtige? Zu meiner ewigen Schande muss ich gestehen: Ich weiß es nicht! Logischer erscheint mit die zweite: In das Wort »Hoffnung« gehört auf jeden Fall eine Ligatur, also warum nicht in »hoffen«? Andererseits: Bekommt auch »hoffen« eine Ligatur, wird's problematisch, wenn das Wort am Zeilenende steht und getrennt werden muss. Da brauch man dann schon eine schlaue Textverarbeitung, die weiß, dass man die ff-Ligatur in dieser Situation durch das Buchstabenpaar ff ersetzen kann; und sich merkt, dass sie die Ligatur zurückbringen darf, wenn das Wort irgendwann nicht mehr am Zeilenende steht. Gibt's sowas? Ich denke mal, dass so etwas eher in einem DTP-Programm zu erwarten ist.


Naja, wenn man sich entschieden hat, welche der beiden Regeln man befolgt, muss man nur noch wissen, wie man an die Ligatur herankommt. Der Mac verfügt über Tastenkombinationen, um die fi-/fl-Ligaturen aufzurufen: fi-Ligatur über Shift-Alt-5, fl-Ilgatur über Shift-Alt-L -- echte Macianer dürfen statt »Shift-Alt« auch »Optionstaste-Umschalttaste« sagen. Das liegt daran, dass diese beiden zum normalen Mac-ASCII-Code gehören. Auf anderen Systemen muss man sich meistens eine andere Methode suchen: In viele Textverarbeitungen kann man einen Dialog aufrufen, der sämtliche Zeichen, die ein Font enthält, aufzeigt. Dann kann man sich gewünschte Ligatur herausklicken.

In meiner Textverarbeitung papyrus habe ich mir Makros definiert: Wenn ich z.B. #fi eintippe, erhalte ich automatisch die fi-Ligatur. So kann man mich schon beim Eintippen des Textes entscheiden, wann ich die Ligatur benutze und wann nicht.

Alternativ kann man natürlich auch nach dem Buchstabenpaar suchen und es durch die Ligatur ersetzen lassen. Dabei muss man dann aber beachten, dass zwischen Groß-und Kleinschreibung unterschieden wird (schließlich gibt es keine Fi-Ligatur) und dass das Programm an jeder Stelle noch einmal nachfragt, ob wirklich ersetzt werden soll -- wie oben geschildert, darf das ja nicht immer geschehen.

Die
Große Frage Es gibt Programme, die setzen Ligaturen automatisch. Kann man sich eigentlich darauf verlassen, dass die das richtig machen, also gemäß den Regeln für Ligaturen?

Lohnt sich die ganze Mühe überhaupt? So viel Arbeit, nur damit man Ligaturen in seinen Texten hat? Ich finde: Ja. Denn Ligaturen sind so schön!


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