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Home Was ist schiefgelaufen? Was ist schiefgelaufen? Die Tramiel-Theorie
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 Was ist schiefgelaufen?

4.2.1 Die DOSen-Theorie

 

 


[Warnung]

Die DOSen-Theorie betrachtet das Verschwinden der Atarianer aus einer anwenderzentrierten Perspektive. Doch zunächst muß man wissen, was damals, etwa Ende der 80er Jahre, eigentlich geschah.

In den achtziger Jahren war alles in bester Ordnung: Atarianer hatten ihre 1040er oder Mega STs und erfreuten sich der einfachen Bedienung einer grafischen Benutzeroberfläche. Die Rechner waren für damalige Zeiten verhältnismäßig schnell, und die Anwendungsprogramme waren zwar nicht allzu umfangreich, aber für den privaten Bedarf durchaus ausreichend. Die PC-Besitzer lachten nur über die Ataris: »Grafische Oberfläche -- das ist doch was für Analphabeten! Einen richtig professionellen Rechner bedient man an der Kommandozeile, eine grafische Oberfläche frißt nur Rechenzeit. Und überhaupt: Dieser Spielecomputer! Daran daß es soviele Spiele für den Atari gibt, sieht man ja schon, daß das kein ernstzunehmender Computer ist.«

Doch Anfang der neunziger Jahre geschah etwas unerwartetes. Windows 3.x kam auf den Markt, eine grafische Benutzeroberfläche für PCs. Grafische Benutzeroberfläche? Nein, so kann man Windows 3.x nun beim besten Willen nicht nennen. Vermutlich handelte es sich um eine frühe Designstudie, die irgendwann einmal zu einer echten Oberfläche werden sollte. Warum sie trotzdem auf den Markt kam? Nun, das wird wohl ein ewiges Geheimnis bleiben. Aber ich habe den Verdacht, daß Billy the Kid Gates endlich auch so nette Fensterchen und Icons, wie er sie bei anderen Computern gesehen hatte, für seine Rechner anbieten wollte.

Also spazierte er in das Büro der Entwickler, die an Windows-Designstudie arbeiteten. Darauf waren die armen Jungs nun gar nicht vorbereitet: Ein paar spielten gerade die Minesweeper-Alphaversion; die Paintbrush-Gruppe testete gerade, ob die 4257 Tittenbilder auf ihrer Festplatte auch im BMP-Format gut aussahen; etliche popelten in der Nase oder übten sich im Kaugummi-Weitspucken. Nur einer arbeitete tatsächlich: Er versuchte, ob er den Dateimanager so programmieren könnte, daß man mehrere Dateien über das Aufziehen eines »Gummibandes« selektieren kann -- aber das klappte irgendwie nicht.

»Na, Jungs«, rief Bill fröhlich, »wie weit seid Ihr denn mit dieser Windows-3-Geschichte?« -- »Ooooch«, sagte der Projektleiter, »fast fertig. Also noch nicht ganz. Wir müssen noch ein bißchen testen, Bugs entfernen und so. Aber sonst ist eigentlich alles o.k.!«

Das war natürlich eine dreiste Lüge. Aber hätte er dem Chef sagen sollen, daß die ganze Gruppe in den letzen Monaten hauptsächlich gefaulenzt hatte?

»Fein«, sagte Bill, »dann können wir es ja in, sagen wir mal, drei Monaten auf den Markt bringen?« Der Projektleiter bekam einen Riesenschreck: »Nun ja, Chef, also diese Bugs -- da müssen wir noch einiges tun. Und, ääähhhmm, wir haben es noch nicht geschafft, Treiberinstallationen problemlos über die Bühne gehen zu lassen. Und...«

»Ach, Ihr schafft das schon! Dann bringen wir Windows eben erst in vier Monaten 'raus!« rief Bill und ging wieder. Ihm war gerade eingefallen, daß er an diesem Tag noch gar nicht kontrolliert hatte, ob seine Sekretärin wieder dieses scharfe knappe Röckchen trug.

Die Windows-Entwickler brachen in helle Panik aus. Wie, um alles in der Welt, sollten sie so schnell eine vernünftige grafische Benutzeroberfläche fertigbekommen? -- Sie schafften es natürlich nicht. Aber sie hofften, daß das nicht so sehr auffallen würde bei den vielen bunten Fensterchen und Icons, die sie hineingebracht hatten.

In der letzten Nacht, bevor sie das Ergebnis vorlegen sollten, saß der oben erwähnte fleißige Programmierer wieder vor seinem Computer, als der Projektleiter hereingestürmt kam: »Um Gottes Willen, wir haben vergessen, einen Texteditor zu schreiben! Bill hat darauf bestanden, daß einer beiliegt. Schreib' mal schnell einen!« -- »Aber ich sitze gerade noch an dieser 'Dateien-mit-Gummiband- selektieren'-Sache. Krieg' ich irgendwie nicht hin!«

»Ist egal. Schreib' den Texteditor! Wenn wir den haben, fällt vielleicht nicht auf, daß nach der Installation einer Soundkarte das Modem oft nicht mehr funktioniert.« -- »Ich könnt' mal eben den DOS-EDLIN für Windows umschreiben, soll ich?« -- »Nein, mach schon was neues. So im Fenster, mit Blockmarkierung per Maus und sowas.«

»Uiii«, sagte der Programmierer, »dafür brauch' ich freilich die ganze Nacht. Und selbst dann weiß ich nicht, ob ich eine Suchen-und-Ersetzen-Funktion noch schaffe!« -- »Suchen und ersetzen«, brüllte der Projektleiter, »wer brauch denn so'n Quatsch, laß es einfach weg. Suchen alleine reicht.«

Und so kam es, daß die Entwickler Bill Gates ein halbfertiges Betriebssystem präsentierten -- oder besser gesagt, dessen grafische Oberfläche. Und angesichts der vielen bunten Fenster war der auch ganz begeistert und beschloß, Windows 3 auf den Markt zu bringen.


Nun hätte man erwartet, daß die Anwender die Neuerungen ablehnten. Aber nein: Sie waren ebenso begeistert wie Bill. Sie installierten Windows auf ihren Rechnern -- endlich war er nicht mehr so schnell, das wurde ja schon langsam unheimlich mit der ganzen Geschwindigkeit.

Die PCler luden die Atarianer ein und sagten: »Guck mal, eine grafische Oberfläche, wie auf deinem Atari. Nur viel professioneller, das sieht man ja schon an den schönen Farben! Und Word habe ich auch, das ist ja viel umfangreicher als deine Atari-Textverarbeitung.«

»Jaaa -- nicht schlecht«, sagte der Atarianer, »wo ist denn der Papierkorb?« -- »Papierkorb«, höhnte der PCler, »das braucht man doch nicht. Ich tippe auf die Entfernen-Taste, das geht doch viel schneller. Und guck mal: 'Ne Festplatte habe ich auch, du mußt ja alles von Diskette starten.« -- »Das stimmt schon, aber ich kann wenigstens ohne Festplatte arbeiten, das scheint mir bei Windows ja nicht so zu sein. Überhaupt: Zugegeben, Word kann ziemlich viel. Aber eigentlich brauche ich das alles nicht, und dafür ist meine Textverarbeitung schön billig.«

»Billig?«, fragte der PCler, »ja, meinst du denn, ich hätte Word gekauft? Nee, das habe ich mir in der Firma 'runtergezogen. Aber guck mal, alles in Farbe, und bunt! Paß auf, ich zeig' dir mal meine Sammlung an Tittenbildern...«


Monate später trafen die beiden sich wieder. »Habe gerade meinen PC runderneuert. Schnellere CPU, größere Festplatte, bessere Grafikkarte. Brauch' ich für die neuen Spiele. Tja, für den Atari kommen ja bald gar keine Spiele mehr auf den Markt, die Kiste kannste vergessen. Auf vernünftigen Computer kann man ja auch mal eine Runde spielen. Allerdings brauche ich nächsten Monat wohl 'ne zweite Festplatte: Da krieg ich das Word-Update, das paßt dann nicht mehr. Könnt' ich dir alles kopieren, aber du hast ja keinen PC.«

Und dann setze etwas ein, was sich wohl nur mit dem Begriff des »Herdentriebes« erklären läßt: Der Atarianer wollte nicht mehr so individuell sein. Er wollte, wie die anderen auch, einen PC. Und außerdem dachte er sich: »Vielleicht stimmt es ja, daß der Atari bald vom Markt verschwindet. Also steige ich lieber schnell um, das ist sicherer -- möglicherweise gibt es bald keine Atari-Software mehr, ist schon schwer genug, die zu besorgen. Auf dem PC krieg' ich dann auch mehr Raubkopien, und überhaupt: Windows ist so schön bunt.«

Und weil viele dachten, daß es bald keine Atari-Software mehr geben würde, verließen sie die Atari-Plattform, und so gab es immer weniger Käufer für Atari-Software. Für viele Firmen lohnte es sich dann nicht mehr, Atari-Software weiterzuentwickeln und sie stellten die Entwicklung ein. Eine selbsterfüllende Prophezeiung nennt man so etwas.


Daß Atari-Computer später auch schön bunt wurden, daß Festplatten auch dort auf breiter Front Einzug erhielten; ja, daß man Atari-Software in vernünftiger Geschwindigkeit auf Macs und PCs laufen lassen konnte -- das bekamen die Ex-Atarianer schon gar nicht mehr mit. Sie hatten auch viel zu viel damit zu tun, ihren PC ständig aufzurüsten.

»Siehst du«, sagte der Ur-PCler zum Ex-Atarianer, »in Windows95 gibt's sogar einen Papierkorb. Aber der ist viel besser als der auf dem Atari, da kann man sogar die Dateien wieder rausholen. Ist ja auch viel professioneller. Und was ich jetzt für 'ne Grafik habe, seitdem ich die neue Karte eingebaut habe! Muß nur noch mal 'ran, irgendwie habe ich seitdem keinen Sound mehr...«



Ist's Euch aufgefallen? So richtig habe ich jetzt nicht erklärt, wieso so viele ehemalige Atari-Anwender auf den PC umgestiegen sind. Ich habe mal wieder die Gelegenheit genutzt, gegen Windows zu wettern. Aber dafür habe ich wenigstens 'ne nette Geschichte erzählt, ist doch auch schon mal was.

Was sagt Ihr? Installationsprobleme gibt's unter modernen Windows-Versionen nicht mehr, das gehört der Vergangenheit an? Ach so, Entschuldigung. Hätt' ich mir denken können, daß die PC-Zeitschriften immer nur so umfangreiche Tipps-und-Tricks-Artikel zu diesem Thema haben, weil denen sonst nicht einfällt, wie sie ihr Magazin vollkriegen. Ist ja auch klar, daß denen ansonsten der Stoff ausgeht: Softwaretests sind ja ohnehin überflüssig -- MS Office hat eh jeder, und Konkurrenzprodukte mit innovativen Ideen, die sich an den Bedürfnissen der Anwender orientieren, sind nun mal nicht Standard. Kann man also nicht nehmen.
Und klar: Shu und Mirko@GIGA4U bekommen auch nur deshalb so viele »Hilfe-mein-druker-Druckt-nich-mher«- und »Hilfe-Mein-Garfickporgamm-hatt-meine-bilder-Gemüllt«-Mails, weil.. äähhmm... weil es ja immer ein paar Idioten gibt, die selbst das beste Betriebssystem nicht verstehen.

Aber ich bin angenehm überrascht: Da gibt es in letzter Zeit doch hier und da PC-Besitzer, die Windows auch nicht mehr so lieb haben und Linux vorziehen. Okay, die gibt's schon lange; bisher kamen die aber meistens aus der Programmierer-Ecke, mittlerweile scheint das auch eine Alternative für versierte Anwender zu werden. Richtig so! Ich meine: Alle jammern darüber, daß Microsoft ein Quasi-Monopol haben, aber die meisten davon haben tatkräftig dazu beigetragen...

Naja, sehen wir uns jetzt Die Tramiel-Theorie an, vielleicht erfahren wir doch noch, was viele Ex-Atarianer zum Abwandern bewegt hat.

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